Warum

Warum Familienforschung?

Vielleicht um das Jahr 2003 herum verdichtete sich mein Wunsch mich etwas intensiver mit dem mir damals noch vollständig unbekannten Thema Ahnenforschung ernsthaft zu beschäftigen. Einige Seiten zu dieser  Frage  im Internet  hatte  ich  gesehen und doch für recht  interessant befunden. Selbst hier einzusteigen, hätte ich mir aber kaum vorstellen können. Auch hätte ich Angst gehabt, nicht über die notwenigen Kenntnisse zu verfügen.

Über meine eigene Familie war mir zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr bekannt, als etwa 20 bis 30 Namen, mit denen ich zumeist nicht viel Näheres verbinden konnte und etwa eine Handvoll Ortsbezeichnungen, die ich spontan auf der Landkarte wohl zumeist kaum gefunden hätte.

Bedingt durch die Verwerfungen der Vertreibung meines Vaters und der Grosseltern aus dem Sudetenland und dem Wissen um die Tatsache, dass Diese kaum Dokumente hatten mitnehmen können, ging ich davon aus, dass ich wohl kaum weit kommen würde. Vielleicht würde es aber möglich sein, wenigstens über die Familie meiner Mutter, die dem Westfälischen entstammt, etwas mehr zu erfahren, so dachte ich

Zunächst befragte ich meine Eltern etwas intensiver als früher und suchte in den Unterlagen meines Vaters nach näheren Informationen. In einem anderen Familienzweig war von einem entfernten, vor Jahren schon verstorbenen Verwandten zumindest früher schon einmal ein etwas grösserer Stammbaum mit näheren Daten aufgestellt worden, was mir die spätere systematische Suche noch sehr erleichtern sollte.

Ich schrieb die mir bekannten nahestehenden Familienmitglieder an und erhielt nach einiger Zeit schon einmal etwas umfangreichere Angaben. In der Genauigkeit waren diese sehr unterschiedlich, aber grundsätzlich sehr hilfreich. Nach mehreren Anläufen war eine genealogische Software gefunden, die meinen Ansprüchen bis heute gut genügen sollte und ich konnte die ersten Daten erfolgreich eingeben. Weiter kleinere Bruchstücke steuerten Andere bei.

Ich hatte schon früher immer wieder einmal darüber nachgedacht, ob es möglich sein könnte, noch Kirchenbücher aus der deutschen Zeit in Tschechien in Verfilmung oder, was ich kaum zu hoffen wagte, gar im Original einzusehen. Nach intensiverer Suche wurde mir deutlich, dass die Kirchenbücher des mich zunächst interessierenden Kreises Friedland zentral in einem Archiv in Leitmeritz eingesehen werden können. Die Folge war im Jahr 2004 meine erste Reise in diese schöne in Nordtschechien gelegene Stadt, von der ich nur wusste, dass mein Grossvater Felix hier in den 20er Jahren einmal kurz für eine Handelsorganisation gearbeitet haben muss.

Eine Woche in einem von einem Bekannten aus dem Internet empfohlenen Hotel an der Elbe war für das Jahr 2005 schnell gebucht. Es war dann ein sehr erhebendes Gefühl, am ersten Morgen das erste angeforderte Originalkirchenbuch der Gemeinde Heinersdorf an der Tafelfichte in den Händen zu halten und auf Anhieb den Geburtseintrag für meinen Ururgrossvater Franz Neumann zu finden. Fast ehrfürchtig halte ich in diesem Moment dieses alte Buch in meinen Händen und denke darüber nach, wer in all den Jahren wohl die vielen Eintragungen vorgenommen haben muss und durch welche Hände dieses Buch gegangen sonst noch gegangen sein mag. Ich blättere durch die verschiedenen sehr unterschiedlichen, zum Teil gut zu lesenden, zum Teil aber auch fast unleserlichen Handschriften und mache mir Gedanken, was für Menschen das gewesen sein müssen, die sich dieser Arbeit des Chronisten verschrieben haben.

Am Abend habe ich zahlreiche Eintragungen fotographisch und natürlich auch handschriftlich festgehalten und mache mich auf meinem Hotelzimmer an eine erste Auswertung. Schnell ist klar: diese eine Woche wird sicher nicht reichen, um die zahlreichen Eintragungen zu erfassen und auszuwerten. Versorgt mit fast unübersichtlichem Material komme am Ende dieser Woche ich glücklich und zufrieden nach Bad Mergentheim zurück.

Mir ist klar, ich muss mir Gedanken machen zur systematischen Archivierung und Ordnung der gesammelten fotographischen und handschriftlichen Aufzeichnungen, denn schnell wird deutlich: einfach nur schnell abgespeichert, werde ich wohl rasch den Überblick vollständig verlieren.

Informationen aus dem Internet, aber auch aus anderen einschlägigen Quellen helfen hier Ordnung zu schaffen und bis heute zu behalten. Erstaunt bin ich, wie rasch ich zu den mich interessierenden Orten des friedländischen Kreises alte Bücher im Antiquariat ermitteln und zum grossen Teil sogar im Original erwerben kann. Ein in der Nähe von Bad Mergentheim wohnender Namensträger des Geburtsnamens meiner Grossmutter Ada Ressel, der in Rückersdorf geboren ist, macht mich auf eine so genannte “Resselchronik” aufmerksam, die er mir im Original zeigt. Diese finde kurze Zeit später sogar in einer anderen Ausgabe in einem Antiquariat und kann sie käuflich erwerben. Es handelt sich um die Ortschronik des Ortes Rückersdorf mit zahlreichen sehr detaillierten Hinweisen.

Es ist die Initialzündung nach weiteren Ortschroniken zu forschen. Ich werde in überwältigend grossem Umfang fündig: Bücher zum Beispiel über Haindorf, Buschullersdorf, Heinersdorf a. der Tafelfichte, Lusdorf an der Tafelfichte, genauso wie Rössel in Ostpreussen, aber auch über fast alle anderen mich interessierenden Ortschaften in denen Vorfahren unserer Familie irgendwann einmal in den hunderten von Jahren gelebt haben, vermitteln mir tiefe Einblicke in Geschichte und Struktur dieser Gemeinden bis zu deren Ursprüngen vor hunderten von Jahren. Ja, ich finde sogar zahlreiche Beschreibungen von Zweigen meiner eigenen Familie, sogar mit Aufführung der dazugehörigen Liegenschaften und weit zurückgehenden Stammbäumen, die meine Arbeit an den Kirchenbüchern später sehr erleichtern sollen.

Insbesondere dem friedländischen Lehrer und Chronisten Anton Ressel verdanke ich wertvollste Hinweise. Was mag diesen Menschen vor fast 100 Jahren bewogen haben, akribisch seine Aufzeichnungen zu machen, von denen Verrückte wie ich noch heute profitieren. Manche Zusammenhänge wären mir allein aus den Kirchenbüchern nie deutlich geworden, hätte ich diese Grundlagen und Vergleichsmöglichkeiten nicht gehabt. Alle von Anton Ressel, dem ich mich inzwischen durch die intensive Arbeit sogar persönlich ein Stück  verbunden fühle, damals gemachten Anmerkungen, habe ich durch meine Forschung bestätigt gefunden.

Der Fernleihe meiner Heimatbibliothek der Stadt Bad Mergentheim verdanke ich das Auffinden zahlreicher Hefte und Bücher, die ich im Antiquariat nicht bekommen konnte oder wollte, die aber zumindest einzusehen und zu dokumentieren waren. Den Mitarbeitern dieser städtischen Einrichtung meiner Gemeinde bin ich zu grösstem Dank verpflichtet, besonders auch für  die Geduld, wenn ich wieder einmal um eine fast unmögliche Recherche nachgesucht habe.

In der Folge kam es zu weiteren Besuchen des Archives in Leitmeritz, wo ich auch dem freundlichen und immer sehr hilfsbereiten Personal danken möchte für manchen Hinweis, für manche erwiesene Hilfestellung, die nicht immer selbstverständlich waren. Sprachliche Defizite, weil ich des Tschechischen und Polnischen nicht mächtig war und bis heute auch leider noch nicht geworden bin, waren nie ein ernsthaftes Problem.

Dort im Archiv oder auch bei anderen Gelegenheiten machte ich Bekanntschaft mit anderen Verrückten gleich mir, die sich gleichfalls dieser Arbeit verschrieben haben. Es ist schon eine interessante Tatsache, wie viele wertvolle menschliche Begegnungen ich in den letzten Jahren machen durfte. Auch im Internet habe ich zahlreichste wertvolle Erfahrungen und Bekanntschaften machen können, die über die eine oder andere auch erlebte Enttäuschung hinweghelfen konnten.

Dass mein PKW bei einem Besuch in Leitmeritz 2006 entwendet wurde und nie wieder auftauchte, war zu verschmerzen. Weniger schön waren die, zum Glück sehr seltenen Gelegenheiten, wo einzelne “Forscher” deren Bekanntschaft ich machte, zwar begierig Informationen “abzogen” aber eine wie auch immer geartete “Gegenleistung” entfallen liessen. Mancher hielt es wohl nicht einmal für nötig, sich noch einmal zurückzumelden, wenn er sich selbst versorgt fühlte. Es ist wohl nicht jedem klar, dass nur gegenseitige Unterstützung einen Sinn macht, zumal die weitergegebenen Informationen in der Regel primär unter erheblichem zeitlichem aber zum Teil auch finanziellem Aufwand gewonnen werden konnten. Aber auch unter Genealogen “menschelt” es eben gelegentlich.

Neben den Kirchenbüchern in Leitmeritz war es mir möglich in der genealogischen Forschungsstelle in Würzburg mikroverfilmte Kirchenbücher besonders aus dem ostpreussischen Raum einzusehen. Auch hier bin ich sehr dankbar, besonders den örtlichen Betreuern gegenüber, bei denen ich bisher immer ein offenes Ohr und Hilfestellung fand. Gleiches gilt für Betreuer und Mitarbeiter des Diözesanarchives des Bistums Münster, aber auch für Mitarbeiter einiger Pfarrarchive, die ich im Verkauf der Zeit besucht habe. Auch aus den Niederlanden kam manch unerwartete und spontane Hilfestellung, ohne die ich an wesentliche Informationen nie gelangt wäre

Warum nun alle diese Bemühungen? Wer wissen will, wohin er geht, sollte auch wissen, woher er kommt. Zukunft gibt es nun einmal nie ohne Vergangenheit. Vielen Menschen ist dies nicht bewusst. Es wäre schade, wenn alle gesammelten Informationen unserer Vorfahren einfach verloren gingen. So wie ich bei meiner Arbeit auf die Vorerfahrungen von Menschen bauen konnte, die lange vor mir gelebt haben, so denke ich, ist es wichtig, denen nach uns Material zu sichern und zu erhalten, auf das sie bei Bedarf zurückgreifen können. So hoffe ich, dass in zwei- oder dreihundert Jahren irgendwo auf dieser Erde irgend jemand sich vielleicht freut, wenn er dieses von mir gesammelte Material nutzen kann, auch wenn ich leider diesen Menschen persönlich nie kennenlernen werde.

 

Mehrere Reisen nach Tschechien (2004, 2005 und 2007), in die Niederlande (2008), sowie nach Ostpreussen (2010) vervollständigten mein Bild durch persönliche Anschauung.

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Literaur:

Grundriss der Genealogie, C.A. Starke Verlag Limburg, ISBN 3-7980-0358-0

Familiengeschichte und Wappenkunde, Agathe Kaiser, Erich Dieter Linder, ISBN 3-89441-153-8

Ahnenforschung, Auf den Spuren der Vorfahren, Ein Ratgeber für Anfänger und Fortgeschrittene, ISBN 3-9808739-4-3

Kalligraphie, Herbert Becker, E.A. Seemann, ISBN 3-86502-130-1

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