Heimatbesuch

 Beschreibung eines Besuches der Gemeinde

Heinersdorf an der Tafelfichte

im Jahr 2005

Spontane Gedanken und Stimmungen des Nachgeborenen eines

 alteingessenen Heinersdorfer Geschlechtes

Der Tag verspricht warm und schön zu werden. Ein herrlicher Frühsommertag. Rundherum  friedliche Natur, wohltuende Ruhe. Dem Betrachter vermittelt sich ein Gefühl von Ewigkeit. Ohne grosse Vorplanung hat uns, meine Eltern und mich, der Weg auf diese Höhe nördlich über Heinersdorf an der Tafelfichte geführt. Vater bleibt im Wagen sitzen, denn sein Alter und Gesundheitszustand erlauben ihm nur noch wenig Schritte.

Ob er diese Fahrt in seine alte Heimat im Frühjahr 2005 ohne Mutters Drängen angetreten hätte, bleibt seit Tagen fraglich, zumindest äussert er sich dazu nicht. Mir war es ein Anliegen, ihm einmal vor Ort zu zeigen, was ich bisher in wenigen Monaten an Interessantem und Wissenswertem über die Wurzeln unserer Familie zusammengetragen hatte. Ausserdem wollte ich aufgekommene Fragen an Ort und Stelle mit ihm klären. Mutter, selbst gebürtig aus Westfalen, hatte den Vorschlag einer gemeinsamen Reise zu Dritt nach Neustadt in das Hotel Kupferberg begeistert aufgenommen. So blieb Vater wohl nichts anderes übrig, als uns zu begleiten.

Die Zeit von Vaters Kindheit und Jugend war in der Familie früher, als wir, meine drei Geschwister und ich, noch Kinder waren, kein grosses Thema. Die Namen Haindorf, Raspenau, Mildenau und Heinersdorf haben meine Jugend mehr beiläufig begleitet. Auch bei Besuchen und Aufenthalten bei  der Mutter meines Vaters waren diese nur Namen einer uns Kindern unbekannten Welt. Für meine Oma stand fest: Sie würde dorthin nie wieder fahren. Sie wollte mit “Denen”, wie sie zu sagen pflegte, “die mir die Heimat gestohlen haben”, nichts mehr zu tun haben.

Noch zu Zeiten, in denen es schwierig war, eine derartige Reise zu unternehmen, hatte Vater jedoch mit jedem seiner vier Kinder eine Fahrt in seine alte Heimat unternommen. Es war ihm ganz offensichtlich wichtig, uns etwas aus seiner persönlichen Vorgeschichte zu vermitteln. Aber frei bewegen konnte man sich damals in dieser Region noch kaum. Gleichzeitig war es für uns Kinder eine völlig fremde Welt. So wirkten die dabei gewonnen Eindrücke auf uns wohl eher flüchtig, zusammenhangslos und kaum nachhaltig. Auch gelegentliche Erzählungen der Erwachsenen beschäftigten sich meist mit Episoden, deren Einordnung uns sehr schwer fiel. So kommen mir auch heute noch immer wieder Bruchstücke von Berichten in den Sinn, die in der Summe Elemente eines Puzzles ergeben, welches, ohne Hilfe der Zeitzeugen selbst, kaum korrekt zusammen zu setzen ist.

Von unserem  oberhalb von Heinersdorf eingenommenen Standort aus, wandern die Augen über ein langgestrecktes weites Tal auf den gegenüberliegenden Höhenzug, der den Blick nach Neustadt versperrt. In der Ferne erkennt man klar das Massiv der Tafelfichte. Vorsichtig bemühen sich Neuanpflanzungen, die kahlen Flächen dort neu zu bewalden


Wir waren schon früh aufgebrochen, hatten an der Allee, auf der Vater wohl das Radfahren erlernt hatte, das ehemalige Zollhaus liegen gelassen und waren über eine immer schlechter werdende Wegstrecke bis zu den neuen, frischangestrichenen Grenzbefestigungen an der Grenze zu Polen gefahren. Dort war dann endgültig Schluss.

Mutter überquert  zu Fuss den Grenzgraben und nimmt auf dem Grenzzaun der gegenüberliegenden Seite Platz.

Stille. Nur leises Rauschen des Windes. Vor uns wiegt sich die grüne, wenig gepflegte Graslandschaft vor der Kulisse der Tafelfichte.

Diese Gegend war immer schon Grenzland.

Früher war sie Trennlinie zweier christlicher Konfessionen, deren obrigkeitliche Übernahme,  die   Einwohnerschaft schon einmal in großer Zahl zu einem Auszug in ein unbekanntes Exil zwang. Später war es Staatsgrenze. Hier ging es hinunter nach  Marklissa in  Schlesien.

Danach markierte diese Stelle die Grenze zwischen zwei Brüderstaaten, die sich unter Aufsicht des „grossen Bruders“ zu gegenseitiger Unterstützung verpflichtet hatten. Heute ist es eine völlig unbedeutende Grenzstelle zwischen zwei Staaten, die vor noch gar nicht so langer Zeit der Europäischen Union beigetreten sind. Es ist auch heute noch nicht wieder Grenzübergang.

Die Fortsetzung des Weges im weiteren Verlauf auf der anderen Seite ist noch gut zu erkennen, auch wenn die Befestigung und der Graben eine Überquerung  mit Fahrzeugen unmöglich machen. Vater muss als Kind gelegentlich diesen Weg gewandert sein.

Wir bleiben stehen und betrachten die vor uns liegende Landschaft. Der Blick geht hinunter über Felder die ehemals Mitgliedern meiner Familie gehörten, soweit Land Menschen als Eigentum gehören kann. Zumindest wurde der Boden aber lange Zeit auch von meinen Vorfahren gepflegt und bearbeitet. Der damals bei ihnen geflossene Schweiss war sicher auch verbunden mit Wünschen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, auf wirtschaftliche Entwicklung, auf Bewahrung und Vermehrung der übernommenen Werte zum Wohle der Lieben, damit aber auch gleichzeitig dem Nutzen der größeren Gemeinschaft des Ortes dienend.

Vom Osten her geht der Blick zunächst über die weitgehend im Verfall begriffenen Fabrikanlagen derer Edle von Heintschel-Heinegg. Ein Unternehmen der Textilerzeugung in dem Mitglieder meiner Familie in Produktion und Verwaltung Arbeit gefunden hatten, bis die Weltwirtschaftskrise dem Werk den Garaus gemacht hatte. Gleich daneben schaut  man auf die Kirche. Von hier - aus der Ferne - schön anzusehen, scheinbar unversehrt. Man erahnt die Mauer des Friedhofes, wo die Grabstellen der Familie zu vermuten sind. Durch den unmittelbar zurückliegenden Besuch vor Ort  wissen wir aber: das Bild trügt.

Gottesdienste finden in dem Gotteshaus, in dem so viele Familienmitglieder sich hoffnungsfroh die Ehe versprochen hatten, wohl nur noch selten statt. Die alten deutschsprachigen Grabsteine sind zum grössten Teil abgeräumt. Es ist erst wenige Minuten her, dass ich dennoch an der Grabstelle meiner Vorfahren stand, deren Umrandung durchaus noch abgrenzbar ist. Sogar die Befestigungslöcher der Grablaternen an der Grabstelle sind an der östlichen Friedhofsmauer noch auszumachen, als seien diese erst kurz zuvor entfernt worden. Der Baum, der auf alten Fotos schon an gleicher Stelle gestanden hatte, hat sich nur unwesentlich verändert. Unkraut bedeckt die Grabstellen, die früher Steine mit Inschriften in deutscher Sprache geziert haben. Wenige alte Steine sind verblieben, nur im oberen Teil sind neue Grabstellen mit Inschriften in der heute in Heinersdorf gepflegten Sprache entstanden.

Aus der Nähe betrachtet, ist zu erkennen, dass das Gotteshaus schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Tür ist wie schon bei Besuchen in früheren Jahren verschlossen und das Schlüsselloch gibt nur begrenzte Sicht auf einen anscheinend leeren Kirchenraum frei.


392Friedland I 2004

Heinersdorf an der Tafelfichte mit der ehemaligen Heintschel-von Heinegg


Von der Höhe aus blicken wir weiter über den Ort. Östlich der Anlagen der Heintschel-Fabrik liegen die ehemaligen Mietshäuser der Angestellten dieses Unternehmens. In dem Haus mit der Nr. 352 wurde meine Grossmutter Ada geboren, davor in Nr.  210 ihre Mutter Martha Kuhn. Vater war wohl häufiger und gerne in den Ferien bei seinen Grosseltern. Die Häuser stehen noch, sind weiterhin bewohnt und wirken relativ gepflegt.

Hinter der Heintschel-Fabrik nach Süden zu liegt der ehemalige Hof des “Sommerbauer” (Nr. 55), der den Blick über die Höhe zum Bahnhof leitet, wo sich nach 1946 meine Familie einfinden musste, in Güterwaggons zu steigen hatte, um der Heimat  unfreiwillig und unverdient unter Zurücklassung praktisch aller mühsam erwirtschafteten Güter den Rücken kehren. So wie dort sammelten sich in dieser Zeit andere Familienmitglieder und deutsche Nachbarn in gleicher, trostloser Situation auf Bahnhöfen und Sammelstellen anliegender Orte. Niemand durfte zurückbleiben. Stunden muss man - nach Erzählungen - vor der Abfahrt dort noch gestanden haben, nicht wissend: was kommen wird, hoffend: doch einmal wieder zurückkehren zu können und sicher auch verzweifelt und ohnmächtig fremden Kräften ausgeliefert.

Weiter wandern die Augen über die ehemalige Heintschel-Villa zum daneben gelegenen Hof Heinersdorf Nr. 206, dem Geburtshaus mehrerer Generationen von Neumann-Ahnen, zum Hof Nr. 15, dem Stammhof der ältesten mir bekannten Vorfahren und auch gleich an den westlichen Ortsrand  zum Hof Nr. 96, dem Stammhof der weiblichen Ressel-Vorfahren. In vielen Häusern haben Familienmitglieder gelebt und gearbeitet, sind dort geboren und gestorben. Haben meist wohl in wirtschaftlich schwierigen Situationen ausgeharrt und sich trotzdem einen gewissen Wohlstand und Zufriedenheit hart erarbeitet.

Von unserem Standort aus nicht zu sehen sind die anderen Gemeinden der ehemaligen Grafschaft Friedland, aber der Betrachter weiss, dass ganz im Süden, westlich der Tafelfichte Haindorf zu finden ist. Dort liegt die bekannte Wallfahrtsbasilika und der jetzt in trostlosem Verfall begriffene ehemalige Hof Haindorf Nr. 77, dem Julie Neumann entstammt. Sie war verheiratet mit dem Fleischer Franz Neumann, “Loblfleescher” genannt, aus Heinersdorf Nr. 206, meinem Urgrossvater. In Haindorf befinden sich auch der Hof Nr. 36, der von der Familie Augsten bewohnt und bewirtschaftet wurde und  das Haus Nr. 73, Wohnsitz der Familie Effenberg, beide ebenfalls mit unserer Familie verwandt. Unmittelbar östlich an Haindorf schließt die sich über fast 8 Kilometer erstreckende Gemeinde Raspenau an, mit einer schönen und noch recht gut erhaltenen und gepflegten Kirche, auf deren Friedhof direkt am Eingang rechts an der Friedhofsmauer noch heute der Grabstein der Familie Ressel (Mildenau Nr. 26) zu finden ist, die auch zu meinen Ahnen zählt.

Mildenau liegt genau auf der anderen Seite des Wittigbaches. Dort im Haus Nr. 26 lebte und wirtschaftete über Generationen hinweg die männliche Linie der Vorfahren meiner Grossmutter Ada. In Raspenau selbst, an der ehemals so genannten Eisernen Brücke ist auch heute noch das Geschäft zu finden, welches meinem Urgrossvater Erwin Ressel gehörte.

Dieses Haus bewirtschafteten zuletzt meine Grosseltern Felix und Ada Neumann. In diesem Haus hat mein Vater die letzten Jahre seiner Kindheit und Jugendzeit verlebt, bevor der Kriegseinsatz ihn fortholte. Auch sein Vater Felix konnte nach dem Krieg nicht mehr  nach hierhin zurückkehren. Ada musste 1947 zusammen mit ihrem zweiten Sohn Helmut der Wittig den Rücken kehren, nicht ohne dass man zuvor noch über Monate Ihre Arbeitskraft ohne Lohn ausgebeutet hatte. Heute ist das Gebäude äusserlich eines der bestgepflegten Häuser in der Gemeinde und beherbergt immer noch ein Lebensmittelgeschäft.

Am westlichen Rande geht Raspenau direkt über in die Stadt Friedland mit dem wunderschön gelegenen und die Landschaft malerisch prägenden Schloss Wallensteins.

An der Wittig entlang ist Vater wohl manchen Tag mit dem Rad zu Schule gefahren, bevor ihn die Schullaufbahn zuletzt auf täglicher Bahnfahrt nach Reichenberg führte. Grossvater Felix hat in Friedland eine kaufmännische Lehre abgeleistet, bevor ihn der weitere Lebensweg über Böhmisch Kamnitz vorübergehend wieder zurück nach Raspenau führte.

353Friedland I 2004


Heinersdorf a. T. Nr. 206 Stammhof der Familie Neumann (1936)

Ich nehme die Landschaft mit meinen Augen auf und verstehe, dass sich meine Vorfahren hier wohlgefühlt haben, dass sie hier heimisch waren, hier ihre Kinder zur Welt brachten und erzogen, sowie versuchten dem Boden das zu entringen, was sie zum Leben benötigten. Im geistigen Auge sehe ich zur Zeit der Gegenreformation meinen Urahn Christoph Neumann in Haindorf sich zum katholischen Glauben bekennend und damit sicher auch die Chance nutzend einer ersten drohenden Vertreibung zu entgehen. Ich sehe Familienmitglieder sonntags zur Kirche gehen und kirchliche sowie weltliche Feiern besuchen, bei der Arbeit schwitzen, sicher oft zweifelnd, aber der Zukunft dennoch hoffnungsfroh  ins Auge blickend. Ich sehe bei der zweiten Vertreibung nach einem verlorenen Krieg das Unverständnis auf ihren Gesichtern, obwohl man es doch hätte kommen sehen müssen. Vorzeichen hatte es genügend gegeben, aber wie hätte man auch eingreifen können? Aus der Ferne der Zeit, versehen mit Informationen,  die  diese   Menschen  niemals  hatten,  ist  es   leicht, zu (ver-)urteilen.

Auch die jetzigen Einwohner von Heinersdorf hatten sicher kaum Möglichkeiten den Ablauf der Ereignisse wirklich zu beeinflussen. Haben sie profitiert? Wenn man die tatsächlichen Lebensumstände zur Zeit betrachtet kann man zweifeln. Viele Häuser sind leer oder schon gar nicht mehr zu finden. Fabriken sind fast sämtlich dem Verfall überlassen, wenn auch hier und da vereinzelt neue Arbeitsstätten im Entstehen begriffen sind, sicher auch mit  Unterstützung der Europäischen Union. Wirtschaftlich war die Vertreibung eines Drittels der Bevölkerung der Tschechischen Republik für diesen Nachfolgestaat der Habsburger Monarchie ein Aderlass an dem man noch heute sichtlich leidet.

Meine Eltern und ich verlassen unseren Beobachtungsplatz über Heinersdorf, wenden mühevoll den Wagen und kehren über recht unwegsame Pisten nach Neustadt zurück. Im Vorbeifahren wiegt sich weiterhin das Gras im leisen und angenehm warmen Wind, wie es dies sicher schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten getan hat. Aus dieser Sicht hat sich Friedland kaum  sichtbar verändert und man könnte meinen, man müsse nur ums Eck` auf den Wirtschaftshof meines Urgrossvaters Franz Neumann (Heinersdorf Nr. 206) einbiegen, um sich eine, der von ihm erzeugten - der Erzählung nach - äusserst schmackhaften Würste zu einem kühlen Bier reichen zu lassen. Der Hof ist noch da, aber ein Einkehren ist nicht mehr möglich.  Dem Anschein nach wird heutzutage dort weder Fleisch verarbeitet, noch das Land bestellt. Es ist eben doch nicht mehr so, wie es einmal war.          

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